Eine Schule als Denkmal

Aus der Geschichte der Realschule Hüls

Skizze der Mittelschule in Hüls anlässlich der Eröffnung 1928, Marler Volkszeitung

Seit rund 100 Jahren prägt ein großer Klinkerbau einen Stadtteil, seit 2025 steht er unter Denkmalschutz: Die heutige Ernst-Immel-Realschule. Die Gemeinde Marl baute die Schule 1927/28 an der Scharnhorststraße (heute: Droste-Hülshoff-Straße) in Hüls für eine Mittelschule und eine Volksschule.

Der Schulbau war die Folge einer stürmischen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung: Seit der Jahrhundertwende strömten wegen der Zechen Brassert (in Marl) und Auguste Victoria (damals in der Gemeinde Recklinghausen-Land) tausende Menschen in den Raum südlich der Lippe. Die Gemeinden kamen bei dem sprunghaften Anstieg der Schülerzahlen mit dem Schulbau kaum nach. Im Amt Marl entstanden zwischen 1900 und 1923 zwölf neue Volksschulen.[1]

Gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung bildete sich auch eine bürgerliche Mittelstands-Schicht, die für ihre Kinder eine bessere Ausbildung wünschten, mehr als eine Volksschule zu bieten hatte. In Marl beantragte bereits 1913 ein Bürgerverein in der Gemeindevertretung die Einrichtung einer Rektoratschule[2] als Zubringerschule für die Oberrealschule,[3] doch die Provinzialregierung Münster lehnte ab.

Mit der Weimarer Republik änderte sich die Schulpolitik. Die Reformpädagogik unterstützte auch die schulische Bildung von Mädchen. Für den stark wachsenden Ortsteil Hüls (Gemeinde Recklinghausen-Land) genehmigt die Provinzialregierung die Einrichtung einer Mittelschule[4]. Sie wurde am 1. Mai 1922 mit 52 Mädchen und 50 Jungen eröffnet.[5]

Für das benachbarte Marl wurde erst zwei Jahre später (nach dem Ende der Ruhrbesetzung) am 6. März 1924 eine dreiklassige Rektoratschule als Schule für den Mittelstand genehmigt. Der Andrang war groß (83 Interessenten).

Schule mit Anbau von 1952 (rechts). Im Hintergrund der Jahnsportplatz.

Als 1926 die kommunale Neugliederung für das nördliche Ruhrgebiet anstand, war Hüls (neben Löntrop, Lenkerbeck und Teilen von Sinsen) zwischen Recklinghausen und Marl strittig. Noch am 26. Januar 1926 beschloss die Gemeindevertretung von Recklinghausen-Land den Bau der Schule an der Scharnhorststraße. Doch zum 1. April 1926 kam erst einmal die Umgemeindung (Zuordnung nach Marl) und am 21. September des Jahres beschloss auch diese Gemeindevertretung den Bau. Vier Monate nach dem Baubeginn (27. Februar 1927) erhielt sie den Namen Jahnschule[6], bereits am 28. September 1927 konnte Richtfest gefeiert werden.[7] Architekt war Amtsbaumeister Johannes Birkenfeld, unterstützt vom technischen Oberingenieur Nikolaus Scherer.[8] Errichtet wurde ein Klinkerbau mit elfenbein-gestrichene Fensterrahmen. In jeder der drei Etagen sind fünf Klassenräume sowie im Erdgeschoss Lehrerzimmer, darüber Physikraum und Rektorzimmer und im dritten Geschoss der Zeichen- und Lehrsaal. Im Kellergeschoss entstanden eine Hausmeisterwohnung, Heizungsanlage, ein Koksraum und eine Abortanlage.

Im Fenster des Treppenhauses wird der Pädagoge Pestalozzi dargestellt, darunter steht der Spruch „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“.[9] In den anderen Fenstern des Treppenhauses sind in Scherenschnitten spielende, lernende Kinder abgebildet.

Die Klassenzimmer sind „luftig, farbenfroh“, schwärmte die Marler Zeitung, dem heimischen Handwerk gereiche der Bau zur Ehre. Und: Der Kostenrahmen wurde nicht überschritten. Für eine Turnhalle war aber kein Geld mehr da.

Leiter der Mittelschule wurde Rektor Wilhelm Stoves, Lehrer Ferberg wurde vorläufiger Leiter der hier untergebrachten evangelischen Volksschule.

1932 beschloss der Gemeinderat den Abbau der Mittelschule[10], in das Gebäude zog die Rektoratschule ein. Am 20. April 1938 nahm die Schule nun als Deutsche Oberschule ihren Betrieb auf. Zwei Jahre später wurde sie eine Vollanstalt, nachdem Widerstände der Nachbarstädte überwunden waren. 1943 legten die ersten beiden Schüler ihre Abiturprüfung ab.

Am 31. März 1951 beschloss der Rat der Stadt Marl die Errichtung einer Realschule.[11] Sie wurde zunächst im Gebäude der Harkortschule I, Lipper Weg, untergebracht. Ihr Direktor wurde 1956 Dr. Ernst Immel. Zum 25. April 1957 zog sie nach Hüls um in das Gebäude, in dem bis dahin die beiden Gymnasien untergebracht waren.[12]

Bereits am 1. Dezember 1952 war ein sechsklassiger Neubau an der Jahnschule übergeben worden.[13]

Aula der Realschule

Im Januar 2026 informierte der Bürgermeister den Rat, dass auf Antrag des Landschaftsverbandes der Gebäudeteil von 1928 bereits am 28. Mai 2025 unter Denkmalschutz gestellt wurde.[14] Das habe „keine außergewöhnlichen Auswirkungen auf die Instandhaltung des Schulgebäudes“, so die Verwaltung.                                           G.E.


[1]     Bücker, Vera: Durch die Nazifizierung der Rektoratschule zur Deutschen Oberschule. Kontinuität und Wandel der kommunalen Entwicklung in Weimarer Republik und Drittem Reich am Beispiel des Höheren Schulwesens in Marl, Herne 1998, S. 59.

[2]     Rektoratschule: organisatorisch aufgewertete Volksschule (unter der Leitung eines Rektors, nicht nur eines Hauptlehrers), keine eigenständige Schulform.

[3]     Protokollbuch des Verwaltungsausschusses Recklinghausen-Land vom 16.05.1922, S. 2.

[4]     Mittelschule: gehobene Schulform zwischen Volksschule und Höherer Schule, eigenständige Schulform, geregelt in Preußen durch das Mittelschulgesetz von 1910.

[5]     Recklinghäuser Volkszeitung vom 26.04.1924.

[6]     Benennung der Schulen im Amtsbezirk, Marler Volkszeitung vom 01.06.1927.

[7]     Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir, Recklinghäuser Volkszeitung vom 19.04.1928.

[8]     Jubiläum eines verdienten Amtsbeamten, Marler Volkszeitung vom 01.07.1932. Birkenfeld war Architekt der Marler Schulen seit 1908 (Harkortschule).

[9]     Im Original heißt er: „Non vitae, sed scholae discimus“ (Seneca in „Epistulae Morales“).

[10]    Bücker a.a.O., S. 72.

[11]    Statist. Vierteljahresbericht II/1951.

[12]    Statist. Vierteljahresbericht II/1957.

[13]    Statist. Vierteljahresbericht IV/1952.

[14]    Teilweise Unterschutzstellung der Ernst-Immel-Realschule als Denkmal, Sitzungsvorlage 2026/0036 zur Ratssitzung vom 16.01.2026.

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