Neuer Blick auf die Geschlechter-Hierarchie
Erste Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Marl

* 23. Januar 1939 in Dorsten
† …. Juli 2003 in Recklinghausen
Im Krieg Kinderlandverschickung ins Münsterland
1955 Lehre als Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin
Mehr als 20 Jahre Tätigkeit in verschiedenen Anwaltskanzleien
1960, 1968 Geburt zweier Töchter
Ab 1981 beschäftigt im Liegenschaftsamt der Stadtverwaltung Marl
April 1985 Bestellung zur Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Marl
1995 Rückkehr ins Liegenschaftsamt
1998 Ruhestand
Ilse Olschewski wuchs als mittleres von drei Kindern eines Chemie-Arbeiters in Marl auf und konnte froh darüber sein, dass sie die mittlere Reife machen durfte. Mit 16 Jahren begann sie eine Lehre als Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin. Hier erwarb sie das Rüstzeug, das ihr in ihrem späteren beruflichen Leben, vor allem auch in ihrer Funktion als Gleichstellungsbeauftragte hilfreich sein sollte. Sie war immer voll berufstätig – auch als sie 1960 und 1968 Mutter zweier Töchter wurde.
Mit ihrer Bestellung zur Gleichstellungsbeauftragten 1985 war sie eine der ersten kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in Nordrhein-Westfalen. Sie hat sich mit viel Engagement in diese Aufgabe gestürzt und sie bis 1995 ausgeübt. Ihre persönlichen Erfahrungen als alleinerziehende Mutter und ihr politisches Engagement als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen waren ihre (frauen-)politische Basis für diese Arbeit.
Niemand wusste Mitte der 1980er Jahre so recht, welche konkreten Aufgaben eine Gleichstellungsbeauftragte hatte. Die Stadtspitze nicht und die Stelleninhaberinnen auch nicht. Die Erwartungen an diese Funktion waren vielfältig und widersprüchlich. Bürgermeister Werner Arndt: „Ihr schlug viel Gegenwind ins Gesicht, aber sie hat viel in der Stadt bewegt.“
Vieles hat sie als Gleichstellungsbeauftragte auf den Weg gebracht. Sie hat mit dem von ihr regelmäßig erstellten Frauenbericht den Blick auf die Geschlechterhierarchie in der Beschäftigtenstruktur der Stadt gelenkt und damit den Weg für einen Frauenförderplan bereitet. Sie hat das Thema Gewalt in Beziehungen und Familien an die Marler Öffentlichkeit gebracht und schon sehr früh erkannt, dass dieses vor allem ein Thema ist, mit dem sich auch Männer befassen sollten.
Heute könnte man sagen, sie war eine der ersten, die Gleichstellung als ein „Gender“-Thema begriff. So sagte sie schon 1985 in der Marler Zeitung, dass sie sich selbstverständlich auch für die Gleichstellung von Männern zuständig fühle, wenn diese von Diskriminierung betroffen wären.
Auch die Eingruppierung der Reinigungskräfte bei der Stadt war Ilse Olschewski ein wichtiges Thema. Sie setzte sich dafür ein, dass der Reinigungsdienst in der Paracelsus-Klinik nicht privatisiert wurde. Auf ihre Initiative wurden 1989 die ersten Frauenkulturtage gemeinsam mit verschiedenen Frauenorganisationen in der Stadt durchgeführt.
Ilse Olschewski ging 1995 zurück ins Liegenschaftsamt, nachdem sie vom Bundesarbeitsgericht bescheinigt bekommen hatte, dass die Stadt sie nicht nach ihrer inhaltlichen Arbeit, sondern ‚nur’ nach ihrer formalen Qualifikation bezahlen müsste. 1998 schied ging aus dem Dienst aus.
Im Ruhestand begann sie ihre künstlerischen Neigungen zu pflegen. Allerdings blieb ihr dafür nicht mehr viel Zeit. Im Juli 2003 ist sie verstorben.
Karin Derichs-Kunstmann
Quellenverzeichnis:
Gespräche mit Ilse Olschewski